Tag-Archiv für 'aneignung'

Bericht vom Bambiland und den ActionWeeks in Berlin im Juni 2009

coloradio

Heute hat ColoRadio, das freie Radio aus Dresden, ein Live-Interview mit einem Beobachter der performativen Aneignung „Bambiland“ geführt. Zum Anhören den Player clicken

oder Archive.org besuchen, hier findest du verschiedene Formate der Sendung zum download.

Besetzen und räumen Linke Actionweek – hält die Polizei auf Trab

Quelle: http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/?dig=2009%2F06%2F08%2Fa0121&cHash=0bc05c389b

Zahlreiche zerkratzte Autos, brennende Fahrzeuge und eine Platzbesetzung haben am Wochenende die Polizei beschäftigt. Die Vorfälle stünden offenbar im Zusammenhang mit den Autonomen Aktionswochen, die derzeit in Berlin laufen, sagte ein Polizeisprecher. Die Actionweek hatte am Samstag mit einer Demonstration in Potsdam begonnen. Dabei hatten mehr als 1.000 Menschen für „Freiräume statt Preußenträume“ protestiert. Parallel dazu wurde eine Brache an der Rigaer Straße in Friedrichshain von der Initiative „Bambiland“ mit Zelten und DJ-Set besetzt. Das Grundstück solle in einen Erholungs- und Begegnungsort umgewandelt werden, hieß es in einer Mitteilung. Die Polizei erteilte noch am selben Tag 40 Personen, die sie auf dem Gelände mit Transparenten, Tischen, Bänke, Lebensmittel und Kochutensilien antraf, Platzverweise. Der Einsatz verlief laut Polizeiangaben ruhig. Mit politischen Parolen wurden die Gebäude der Gewerkschaft Ver.di in Mitte und der Bundesagentur für Arbeit in Tempelhof verziert. Schließlich entdeckte eine Streife in Kreuzberg Sprünge in den gläsernen Haustüren eines Loftgebäudes. (dpa, taz)

Bewegungschor 4 – Die Räumung

Bambiland – eine Raumkomposition

Stadtchoreografie in 5. Akten

Schauplatz ist das Ende einer Versuchsserie, ein aus den vorherigen Versuchen entwickeltes Setting und die Dokumente der Intervention werden Teil dieser Aktion: Die Texte werden einer Sprechpartitur folgend in 5 Akten aufgenommen. Manche Passagen formen einen Teppich über alle Klangobjekte hinweg, andere wieder werden unterschiedlichen Objektgruppen zugeteilt. Manche Passagen werden von den Sprechern wieder übersprochen zum Chor mit sich selbst.

Bambiland arbeitet mit einem zeitgenössischen Thema, transformiert die politischästhetische Praxis in eine medial-performative Untersuchung des öffentlichen Raums. Der Bewegungschor wird zur unendlichen Multiplikation einer Stimme, zusammengesetzt aus Sprache und Sprachmasken. Sprachfeindschaften, Sprachgrenzen, ein Medienchor aus einer einzigen Stimme, als Übermacht und Autorität bespricht chorisch mit sich den öffentlichen Raum.

Bambiland

Bewegungschöre

Bewegungschor 1: Wispern durchbricht die Stille und formt einnehmend den Raum als aufbauenden Akt. Bildempfänger werden zu Tonwerfern für Sprache und zielen auf die Stadt.

Bewegungschor 2: Der geschaffene Raum wird durch Mitteilung der Konsensrealität enthoben, der Zuschauer wird zum Beobachter der Stadtchoreografie und gleichzeitig zum Objekt der Betrachtung.

Bewegungschor 3: . Text wird als Laufschrift der Stadt entgegengestellt. Die Schrift wird konfrontiert mit Filmbildern und überschreibt sie. Akteure bedienen die Geräte in Realzeit. Die Stadt bewegt sich in Realzeit. Der Zuschauer als akustischer Funktionsgegenstand, wird mittels Realzeit-Komposition zum Objekt. Stadt und Zufall komponieren mit.

Bewegungschor 4: Polizeiabzeichen, Körper und Sprache werden zu einer Figur. Durch Realzeit-Komposition wird der Kontext verortbar und zuordenbar. Der Ton bedeutet die Stadtsituation und entfremdet sie. Die Komposition schreibt sich selbst. Vereinigung der Akteure mit den betrachteten Objekten.

Bewegungschor 5: Die zuschauenden Objekte der Betrachtung, werden zu Vermessungsgeräten die den normativen Alltag umsäumen. Das Ende ist Wispern und Stille…

Bewegungschor 1: Bambiland

Ich weiß nicht ich weiß nicht. Setzen Sie sich so abgebundene Strumpfkalotten auf die Köpfe, wie mein Papa sie immer zu seinen alten Arbeitsmänteln am Bau von unserem Einfamilienhäuschen getragen hat. Etwas Häßlicheres habe ich nie gesehen. Ich weiß nicht, welche Strafe für welche Schuld Sie bekommen sollen, daß Sie so etwas Häßliches aufsetzen müssen. Strumpf abschneiden, oben zubinden, daß so eine Art Bommel übrigbleibt, und dann auf den Kopf setzen. Das ist alles.

Meinen Dank an Aischylos und die „Perser“ , übersetzt von Oskar Werner. Von mir aus können Sie auch noch eine Prise Nietzsche nehmen. Der Rest ist aber auch nicht von mir. Er ist von schlechten Eltern. Er ist von den Medien.

Schon durchdringt schon dringt hindurch die Sonne, erster Bote des Leids, zu dem Herrn wie heißt er nur, jeder weiß, wie er heißt, schon durchdringt das Heer die Stadt, an Masse mächtig das Heer, doch nicht mächtig genug, durch Hungernde, Durstende würgt sichs hindurch, das Heer, auch durch die auf dem Weg drohende Stadt voller Menschen, allzu groß, maßlos an Zahl, so bös ihre Taten, kleiner nicht ist, was sie duldet, die Stadt, anheimelnd im Grund, wie sie da liegt in der Wüste, die Einwohner von der Sonne längst zum Tonheer gebrannt. Wie können wir nach alldem wieder gut werden mit dem Babyloniervolk? Was man auch sagt, die brüllen nur Wasser nur Wasser nur Wasser, nur Essen, nur Essen. Mein Sohn, mein Sohn, meine zwei Söhne, meine drei Söhne, meine vier Söhne. Alle weg. Alle weg. Am liebsten beides gemeinsam: Wasser und Essen. Pakete mit Nahrung, los ihr, runter von den Wagen, etwas schneller bitte, sonst schlagen, nicht mehr benetzt vom Wasser,  die Städter der erwählten Schar des Herrn noch die Schädel ein und damit eine ganze Welt der Gefühle, wie nur wir nur wir im Westen sie kennen,  und eine Welle des Hasses, wie nur die dort sie kennen. Auch wir haben Durst, jawohl, aber wir hassen wenigstens nicht, jawohl, doch wir haben auch Gefühle dazu. Die äußern wir wenigstens nicht. Wir sind nicht total gefühllos, und wo führen wir sie hin, die Gefühle? Wo kommen sie her, wo gehen sie hin?  Wo führen sie uns hin? Zur Befreiung des Volks führn sie uns hin. Was führen die sich dann so auf? Wollen nicht frei sein? Frei sein nur unter der Voraussetzung, verstanden zu werden? Was? Es wird immer zuviel oder zuwenig gesagt. Die Forderung, sich ganz zu entblößen, mit jedem Wort, das man spricht, ist eine Naivität. Deswegen sagen wir einmal gar nichts. Besser so. Man will immer wohlwollend verstanden werden, sonst würde man ja gar nichts sagen in die vielen Kameras und Mikros. Gegen das Fremde verbirgt man sich. Man selbst sagt immer nur, was man über sich gedacht haben will, nicht was man denkt. Was? Was? Die wollen gar nicht verstanden werden? Was machen wir uns dann die Mühe? Uns ist das egal. Wir machen eh, was wir wollen. Nein, wir können nicht immer machen, was wir wollen. Aber deshalb führen wir uns längst nicht auf. Wir sind echt. Wir greifen zum Raub, wenn wir was wollen.  Es raubt uns den Verstand, wenn wirs nicht kriegen. Wo ist jetzt das ganze Öl hin, ungenutzt? Es brennt. Es brennt. Sprengstoff rund um die Quellen, wo das Öl sich staut und nutzlos verbrennt. Das kann man sich nicht vorstellen, und schlecht kann man es voraussehen. Wer sich aus der Salzflut Strom retten könnte, wenigstens den töteten wir. An unser Haus können Sie den Brand legen, an unsere Götterbilder können Sie auch den Brand legen, aber nicht an unser Öl und nicht an unseren Fernseher, den behalten wir, unsren Altar, der darf nicht spurlos fort, der ist doch die Spur! Der ist unsre Leuchtspurmunition, damit wir im Dunkeln sehen können. Damit wir auch im Dunkeln sehen, wie  einschlägt der Blitz im Strom des feindlichen Heers. Und da ist ja auch unsere abgereicherte Uranmunition, ich hab sie vorhin schon gesucht, die brauchen wir nämlich unbedingt. Schauen Sie, ich will es in einfachen Worten erklären warum: Die Energie, die ein Geschoß enthält, bezieht es aus Geschwindigkeit und Masse.

Sein und Nichtsein fallen übereinander her und werden eins. Es ist unentschieden ausgegangen zwischen Sein und Schein. Beide gleich stark. Gut so. Es gibt eh kein Kriterium für Realität, sage ich einmal so. Es ist alles wahr, was Sie sehen, aber es ist nicht richtig. Das Sein ist immer nur ein Grad von Scheinbarkeit, und der Schein kommt aus diesem Fernsehgerät, welches ich ebenfalls erschaffen habe. Es ist ein praktisches Zusatzgerät zu all diesen Bomben. War das nicht nett von mir? So können Sie sie wenigstens verfolgen, die Bomben, aber einholen werden Sie sie nicht. Sie brauchen sich nicht zu bedanken. Sein und Schein, die beide eins sind, auch das habe ich bewirkt, indem ich das Fernsehen erfunden habe, ist aber schon lange her, aber seither ist es doch so, seien wir ehrlich: Sein und Schein ergibt noch nicht Sein. Manchmal ergibt auch der Schein von Nichtsein ein Sein. Realität ist graduell nur Scheinbarkeit, und zwar gemessen an der Stärke des Anteils, den wir dem Schein geben. Aus. Ich habe meinen ganzen Anteil dem Schein gegeben. Jetzt bin ich zufrieden. Ich habe so viel geschaffen. Früher hab ich es verschenkt, zuviel verschenkt, jetzt verkaufe ich es. Ich denke, ich kann mit mir zufrieden sein. Wo wenig ist, ist auch wenig Schein. Je weniger Dinge, umso weniger können sie scheinen. Na, gibts wenigstens im Geistigen eine kleine Vernichtung? Nein, im Geistigen gibt es keine kleine Vernichtung. Da muß ich Sie enttäuschen. Ich meine, die Vernichtung ist nicht gerade klein, die wir im Geistigen erzielt haben. Das ist doch auch schon was, den nächsten Zielpunkt-Markt zu kennen. Ins Visier nehmen, abdrücken, aus aus aus. Aber irgendwas muß ja bleiben.  Was? Ich grüble noch, was. Man muß dem Werden von Anfang an den Charakter des Seins aufdrücken, dann wird es schon werden. Dann wird das schon unsere Macht geworden sein. Weil wir sie gewollt haben. Einer muß sie ja wollen, da liegt sie am Boden, alle steigen drauf, sie ist schon ganz dreckig geworden, einer muß sie ja wollen, einer muß sie ja nehmen, und dann hat er sie auch schon. Einer hat sie sich genommen. Bravo. Applaus. Weil er sie gewollt hat, hat er sie sich genommen. So hab ich mir das auch vorgestellt mit meinem Willen. Er kann ja immer noch sagen, ich hätte es ihm gesagt, er solle sie sich nehmen, die Macht. Das geht immer. Mich fragt ja keiner. Ich sage es aber trotzdem. Er soll sie sich nehmen, einer muß es ja tun. Die liegt da, die Macht, und diese Stiefel dort sind, rein aus Neugierde wies weitergeht,  über sie drübergehopst, und diese auch, sind manchmal auch draufgetreten, das kommt ja vor,  die Augen haben derweil ferngeschaut, ich meine, sie haben in die Ferne gesehen.  Die arme Macht. Sie macht Arme ärmer und Reiche reicher. Das ist ihre Eigenheit, unter vielen andren Eigenartigkeiten. Alles kommt immer wieder, vor allem die Kriege. Aber daß sie immer wiederkommen, ist eben die extremste Annäherung dieser Welt des Werdens an die des Seins. Es IST alles, weil alles kaputt ist.  Weil wir es gesagt haben und aus. Aus. Aus. Aus. Wir stehen auf dem Gipfel der Betrachtung, schauen um uns, sehen, daß das, was ist, Schein ist, sobald es endlich geworden ist, sobald es endlich nichts geworden ist, wieder nichts,  und wir wenden uns ab und schauen in uns hinein und aus uns heraus. Wir wissen nichts, wir erfahren nichts, wir irren uns, wir fangen von vorn an, wir täuschen uns, wir täuschen andre, wir sind enttäuscht, daß wir noch nicht gewonnen haben. Aber bald haben wir gewonnen. Bald kaufen wir wieder ein Los, bald sind wir uns los, einer wird uns schon helfen, ich bins nicht, noch nicht, aber bald, aber bald. Aus. Aus. Aus. Na endlich spritzt der ab. Ich hab schon geglaubt, er kommt überhaupt nicht mehr. So. Jetzt ist auch das erledigt.

Bewegungschor 2: Die Betrachtung des Objekts

Das gibts doch nicht! Nein, das glaub ich nicht, sie leben doch noch, nein,
doch nicht. Die sind tot, da gibts nichts. Vielleicht kennen sie gar kein
einziges von den Gefühlen persönlich. Wo sie doch an Gott glauben. Das
genügt ihnen aber nicht. SIE WOLLEN DAS VATERLAND BEFREIEN. Können
sie aber nicht, denn nur wir halten dem Verführer, der uns nur aufhalten
würde, stand und stellen die Religion in Frage und die Steine stellen wir in
Frage und den Sand stellen wir in Frage und das Wasser stellen wir in
Frage, nur wir kennen Gott und haben erkannt, wir wollen ihn nicht, wir
Verführer von niemand, wir Verführer des Bildes allein. Wenn wir ins Haus
gekommen, dann drehn wir das Bild sofort auf. Das muß funktionieren.
Und es funktioniert auch. Sofort. Nie spurlos fort unserer Gottheit Bilder,
die wir dort sehn, die nur wir dort sehn auf dem leuchtenden Schirm. So,
wir entFernen dieses Volk vom Glauben, geben ihm dafür endlich unser
Bild und AUS. Dann wird es gut sein. Dann wird dieses Volk vollkommen
am Ende sein, das keinen Begriff vom Primat der Person hat, denn ein Volk
ohne jede einzelne Person, das gibt es nicht. Aber den Gott, den kennen
sie. Das ist die Hauptsache. Sie kennen keinen, sie lieben keinen, aber den
Gott, den kennen sie. Gefühle kennen sie nicht, aber einen Gott, den
kennen sie angeblich. Sie sagen es. Und sie wissen auch, daß das ihrer ist.
Die werden uns jetzt kennenlernen. Wetten, daß bald wir ihre Götter sind

Bewegungschor 3: Die Laufschrift

Anarchismus
Anarchismus bedeute eine soziale Ordnung, die auf der freien Vereinbarung Einzelner, mit dem Zweck wirklichen sozialen Wohlstand zu schaffen, beruhe, eine Ordnung, die jedem menschlichen Wesen freien Zugang zur Erde und vollen Genuss des zum Leben Notwendigen, entsprechend individuellen Wünschen, Neigungen und Bedürfnissen, zusichern werde.

Bevormundung
Jede Form der Bevormundung verhindert die Entwicklung eines emanzipativen Bewußtseins, das Vorraussetzung dafür ist, dass Menschen frei miteinander leben können.

Zwang
Er ist gegen alle Eingriffe und jeden Zwang. Aber wenn jemand Sie angreift, dann ist dieser es, der Sie überfällt und der Gewalt gegen Sie anwendet. Sie haben das Recht, sich zu verteidigen. Als Anarchist ist es sogar Ihre Pflicht, Ihre Freiheit zu verteidigen und sich gegen Zwang und Druck zu wehren. Andernfalls sind Sie ein Sklave, nicht aber ein freier Mann.

Revolution
Die soziale Revolution muß die Emanzipation des Menschen durch Freiheit erreichen, aber wenn wir zur Freiheit kein Vertrauen haben, wird die Revolution zu einer Verneinung und einem Betrug ihrer selbst.

Bücher
Das Leben lehrt die Menschen mehr als alle Theorien und Bücher es je vermögen. Die, die meinen, das was sie sich häppchenweise aus Büchern angeeignet haben, einfach in die Praxis übernehmen zu können, machen sich selbst etwas vor; die, die solche Bücher aber mit den Erfahrungen des Lebens bereichern, können ein Meisterwerk schaffen.

Genuß
Wer eine ausgereifte GenußKultur entwickelt hat, der ist auch reif für einen sinnlichen oder sinnvollen DrogenGenuß. Menschen, die fähig sind, den Genuß ihrer Drogen zu kultivieren, werden durch ihren DrogenGenuß wie auch durch ihre GenußKultur bereichert, Menschen, die dazu nicht fähig sind, laufen Gefahr, durch ihren Drogenkonsum und ihrer Konsumkultur früher oder später zunehmend an Lebensqualität einzubüßen. Zum wahren DrogenGenuß und echter GenußKultur befähigte Menschen sind in der Lage, eine DrogenKultur zu gestalten – oder besser: zu schöpfen – und in einer Art zur Entfaltung zu bringen, daß die Teilhabenden an dieser Kultur diese auch genießen können, also auch Teil am KulturGenuß haben können.

Autonomie
Eines dieser alternativen Erklärungsprinzipien wäre das der Autonomie. Damit will er keineswegs alle Probleme wegdefinieren, die man bislang mit Sucht oder Abhängigkeit definierte, sondern lediglich erreichen, „daß das Verhalten der sogenannten ‚Abhängigen‘ nicht mehr als sinnlos und damit krank, unnatürlich und behandlungsbedürftig eingestuft wird, sondern daß man voraussetzt, daß es aufgrund individueller Entscheidungen im Rahmen der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ausgewählt wird, das heißt, daß es Sinn macht für diese Personen. Das Konzept impliziert weiterhin, daß dieser Sinn so akzeptiert werden kann, und daß andere Verhaltensweisen als die, die wir selbst wählen, ebenfalls berechtigt sind.“ Wenn man sich auf diese Herangehensweise einläßt, dann bedeutet das in der Konsequenz, dem Betroffenen als einem autonomen, in eigener Verantwortung und vor allem mit Sinn handelnden Individuum gegenüberzutreten, und ihm nicht nur eine einzige Bewertung seines Verhaltens, nämlich die der Sucht, anzubieten. Damit wäre dann auch eine Entdramatisierung der Sucht und ihrer Entstehung möglich, die einen ganz anderen und möglicherweise effektiveren Umgang mit den infrage stehenden Phänomenen begünstigen könnte.

Sucht
Aus dieser Perspektive gewinnt süchtiges Verhalten eine ubiquitäre (allgegenwärtige) Qualität. Der Abhängige, der Süchtige ist nicht mehr der Andere, der Fremde, den es, notfalls mit mehr oder weniger gutgemeintem Zwang, einer vermeintlich universalen Moral anzugleichen gilt. Sein Verhalten entdramatisiert sich vielmehr in dem Maße, in dem wir zu erkennen beginnen, wie ähnlich es unserem eigenen Verhalten eigentlich ist. Die Frage, die sich aus einer solchen Herangehensweise ergibt, ist dann nicht mehr „Wie wird man süchtig?“, sondern vielmehr die Frage „Wem nützt die Sucht?“ bzw. „Wem nützt die weiterhin stattfindende Dramatisierung der Sucht?“

Nette Leute
Das sind die netten Leute, die Beliebten, die mit allen gut Freund sind, die Gerechten, die human jede Gemeinheit entschuldigen und unbestechlich jede nicht genormte Regung als sentimental verfemen. Sie sind unentbehrlich durch Kenntnis aller Kanäle und Abzugslöcher der Macht, erraten ihre geheimsten Urteilssprüche und leben von deren behender Kommunikation. Sie finden sich in allen politischen Lagern, auch dort, wo die Ablehnung des Systems für selbstverständlich gilt und damit einen laxen und abgefeimten Konformismus eigener Art ausgebildet hat. Oft bestechen sie durch eine gewisse Gutartigkeit, durch mitfühlenden Anteil am Leben der andern: Selbstlosigkeit auf Spekulation. Sie sind klug, witzig, sensibel und reaktionsfähig: sie haben den alten Händlergeist mit den Errungenschaften der je vorletzten Psychologie aufpoliert. Zu allem sind sie fähig, selbst zur Liebe, doch stets treulos. Sie betrügen nicht aus Trieb, sondern aus Prinzip: noch sich selber werten sie als Profit, den sie keinem anderen gönnen. An den Geist bindet sie Wahlverwandtschaft und Haß: sie sind eine Versuchung für Nachdenkliche, aber auch deren schlimmste Feinde. Denn sie sind es, die noch die letzten Schlupfwinkel des Widerstands, die Stunden, welche von den Anforderungen der Maschinerie freibleiben, subtil ergreifen und verschandeln. Ihr verspäteter Individualismus vergiftet, was vom Individuum etwa noch übrig ist.

Sex
Eine Anzahl von Individuen – meist, nicht immer, bürgerlicher Herkunft – rebelliert gerade im Bereich von Sexualität gegenüber erworbenen Dressaten und Ängsten. Man könnte diese Rebellion durchaus als ein Einklagen von Lebensgewinn auffassen, der ihnen in den gegenwärtigen Organisationen von Familie, Schule, Universität usw. auf immer versagt bleiben sollte. Bei den Einzelnen, die sich zu Kommunen zusammenfanden, kommt freilich noch ein spezieller Begründungszusammenhang hinzu. Die in Familien und Schulen – ungeachtet der Sexualisierung der Öffentlichkeit – nach wie vor gleichwohl geforderten Triebverzichte und Leistungszwänge führten zu einer Trennung von Lust und Leistung. Was die Kommunarden hier suchten, würde ich etwa so formulieren: Das Denken an Lust und die Lust am Denken sollen sich hinfort nicht mehr ausschließen, der Zuwachs an Vernunft nicht mehr einen Zuwachs an Glück verhindern, obwohl die Vernunft doch lange ihre Triumphe nur unter dem Zwang der Askese gefeiert hat und obwohl nach einem alten gesellschaftlichen Vorurteil der Verstand angeblich vor der Lust die Segel streicht. (…) Vorerst scheint es so, als stünden diese beiden Sozialcharaktere – der disziplinierte Revolutionär einerseits und der, der Bewußtsein und soziale Beziehungen verändern will, andererseits – in einem unaufhebbaren Widerspruch zueinander. Leider kann man feststellen, daß heute das Aushalten und Bewältigen dieses Widerspruchs nicht mehr auf der Tagesordnung der Linken steht. Diese Tatsache kann dazu beitragen, daß das Bewußtsein eines antiautoritären Sozialisten von Trauer überschattet wird. Man wird sich freilich daran erinnern, daß revolutionäre Entwicklungen einen Wechsel von Kampfzyklen und Lernzyklen kennen und hoffen, daß die Linke ihre Entwicklung in den letzten Jahren auch unter diesem Aspekt begreifen wird. Das Aushalten und Bewältigen dieses Widerspruchs, das Zugleich von Kommunikations- und Vergesellschaftungsstrategie, setzt, soweit ich sehe, die einzige wirkliche Chance, in einem antizipierenden Vorgriff Strategien der Vermenschlichung der Gesellschaft und ihre Transformation in eine sozialistische zu entwickeln.

Die Bewegungschöre 4 und 5 komponieren sich selbst in Realzeit…

Wir danken allen Beobachtern, Aischylos, Jellinek, der Stadt, den Medien.